"Man merkt förmlich, wie die Stadt pulsiert"

PAUL STALTERI IM INTERVIEW

18.06.26 von Marcel Kuhnt | 5 Min

Ein Trainer in schwarzer Sportkleidung steht auf einem Fußballplatz, im Hintergrund sind ein Kanada-Banner und leere Sitzplätze zu sehen.
(Foto: Privat).

Was Paul Stalteri als Spieler verwehrt blieb, erlebt er nun als Co-Trainer der kanadischen Fußball-Nationalmannschaft – eine Weltmeisterschaft. Und das sogar im eigenen Land. Der 48-jährige Kanadier blickt im WERDER.DE-Interview auf das bisherige Turnier, die Euphorie in seinem Heimatland und erklärt, warum ein Rückstand bei einer WM schwer aufzuholen ist.

WERDER.DE: Moin, Paul! Mit einem 1:1-Unentschieden gegen Bosnien-Herzegowina seid ihr in die Heim-WM gestartet. Wie zufrieden seid ihr mit dem Auftakt?

Paul Stalteri: Grundsätzlich gehen wir in jedes Spiel, um es zu gewinnen. Leider ist uns das gegen Bosnien-Herzegowina nicht gelungen. Wir hatten zwar zu Spielbeginn ein paar Chancen, die wir nicht nutzen konnten, trotzdem wussten wir, dass es ein schwieriger Auftakt werden würde. Wer den Gegner kennt, weiß, dass sie sehr wenig zulassen. Daher war der Punkt am Ende aufgrund des Spielverlaufs nicht das schlechteste Ergebnis in unserer Vorrunden-Gruppe.

WERDER.DE: Ihr musstet ja lange Zeit einem Rückstand hinterherlaufen…

Paul Stalteri: Ja, genau. Und wie gesagt, ist das gegen ein Team wie Bosnien-Herzegowina sehr schwierig. Generell zeigen die Statistiken, vor allem bei einer Weltmeisterschaft, dass ein Rückstand schwer aufzuholen ist. Spätestens nach dem Gegentor stand Bosnien sehr tief. Daher sind wir froh, dass wir das Comeback nochmal geschafft haben.

Fußballspiel mit Spielern in roten und weißen Trikots, die auf einem grünen Rasen dem Ball nachlaufen, im Hintergrund die Zuschauer im Stadion.
Kanada holte im ersten Gruppenspiel einen Rückstand gegen Bosnien-Herzegowina auf (Foto: nordphoto)

WERDER.DE: Welche Lehren zieht ihr aus dem Spiel?

Paul Stalteri: Wir haben keine gute erste Hälfte, dafür eine sehr ordentliche zweite gespielt. Es war wieder zu erkennen, dass Auftaktspiele bei einem Turnier nicht einfach sind. Wir wollen im kommenden Match an die Leistung anknüpfen, die wir zum Schluss gezeigt haben. Für uns war wichtig zu sehen, dass die Mannschaft ihr Können abruft und eine Leistungssteigerung zeigt. Gegen Katar wollen wir nicht nur teilweise performen, sondern über 90 Minuten unser Können auf den Platz bringen.

WERDER.DE: Dabei helfen sicherlich auch die Fans, oder?

Paul Stalteri: Die Fans sind ein großer Vorteil. Wir haben einen unfassbaren Support erfahren, was uns auch in den schwierigen Phasen des Spiels geholfen hat.

Ob im Stadion, in Kanada oder auf der ganzen Welt. Die Augen sind auf diese Spiele gerichtet.

Paul Stalteri

WERDER.DE: Trotz aller Unterstützung – verspürt man als Gastgeberland auch einen höheren Druck?

Paul Stalteri: Der Druck kommt nicht von den Fans, sondern ist generell da – es ist eine Weltmeisterschaft. Wir haben einige Spieler im Kader, die die WM 2022 in Katar gespielt haben. Sie wissen, was auf sie zukommt und gefordert ist. Wiederum andere sind dabei, die die Situation noch nicht kennen. Ob im Stadion, in Kanada oder auf der ganzen Welt. Die Augen sind auf diese Spiele gerichtet. Daher verspürt man einen Druck, aber das ist ganz normal.

WERDER.DE: Wie groß ist die Euphorie in Kanada?

Paul Stalteri: Die Menschen sind begeistert. Das erste Gruppenspiel haben wir in meiner Heimatstadt Toronto absolviert und es war großartig. Das Stadion war voll, die Atmosphäre einzigartig. Man hat gemerkt, dass die WM in der Stadt angekommen ist. Die Leute haben sich getroffen, um die Spiele zu schauen, in Restaurants werden die Partien gezeigt. Für die Menschen ist eine Heim-WM eine einmalige Gelegenheit. Man merkt förmlich, wie die Stadt pulsiert. Jetzt treten wir in Vancouver auf der anderen Seite des Landes an. Bereits beim Spiel Australien gegen die Türkei hat man gesehen, wie gut die Stimmung war. Ich bin gespannt, was uns dort erwartet. Doch ich bin mir sicher, dass der Support von den Rängen erneut großartig sein wird.

Eine Person in einem schwarzen Sportoutfit steht auf einem Fußballplatz und hält ein rosa Trikot in der Hand, im Hintergrund sind Zuschauer zu sehen.
Paul Stalteri genießt es bei der Heim-WM dabei zu sein (Foto: Privat).

WERDER.DE: Schauen wir kurz auf dich. Du bist als Co-Trainer beim Turnier dabei. Was sind deine Aufgaben?

Paul Stalteri: Wir sind ein großes Trainerteam mit verschiedensten Aufgaben. Wir helfen unserem Cheftrainer Jesse Marsch so gut es geht. Wir sind eine tolle Gruppe, die viel über Fußball spricht. Es ist ein ständiger Austausch, wo auch mal kontrovers diskutiert wird. Insgesamt haben wir ein perfektes Umfeld in unserem Team hinter dem Team geschaffen. Ich bin sehr froh, dass ich diese Erfahrung mitnehmen kann.

WERDER.DE: Und wie fühlt es sich für dich an, an der Heim-WM teilzunehmen?

Paul Stalteri: Es ist ein großartiges Gefühl meinem Land, für das ich so viele Länderspiele gemacht habe, etwas zurückgeben zu können. Als Spieler war es mir leider nicht vergönnt ein WM-Turnier zu spielen. Jetzt erlebe ich es immerhin auf der anderen Seite mit. Das sind Ereignisse, die für immer bleiben werden.

WERDER.DE: Blicken wir zum Schluss noch einmal kurz auf die Gruppenkonstellation. Hat dich das Remis der Schweiz gegen Katar überrascht? Immerhin ist eure Gruppe B komplett ausgeglichen.

Paul Stalteri: Vor dem Spiel hat wohl jeder auf die Schweiz gesetzt. Sie haben die Begegnung auch kontrolliert, es jedoch verpasst das 2:0 zu erzielen. Jeder weiß, dass im Fußball ein 1:0 ein kompliziertes Ergebnis sein kann. Katar ist schwierig zu bespielen, weil sie aggressiv in den Zweikämpfen sind. Bereits die Partie hat gezeigt, dass es schwer ist auf diesem Niveau Spiele zu gewinnen. Der bisherige Turnierverlauf hat das eindrucksvoll bewiesen. Eine WM ist unberechenbar. Daher wird auch unser Duell mit Katar nicht leicht, dennoch wollen wir gewinnen.

WERDER.DE: Dafür drücken wir euch die Daumen. Vielen Dank, Paul!

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